MESHhacks #6: Vom Experten-Kauderwelsch zur Azubi-tauglichen Anleitung
Du kennst die Situation: Dein erfahrenster Kollege hat sich endlich hingesetzt und „alles aufgeschrieben". Stolz übergibt er das Dokument an den Neuen. Und der versteht – nur Bahnhof. Abkürzungen ohne Erklärung, Fachbegriffe, halbe Sätze, und überall stillschweigend vorausgesetztes Wissen, das eben *nicht* jeder hat.
Das ist kein böser Wille und keine Schludrigkeit. Es ist ein bekanntes Phänomen – und du kannst es mit einem einfachen KI-Hack auflösen.
Das Problem: der „Fluch des Wissens"
Wer etwas seit zwanzig Jahren macht, kann schlicht nicht mehr nachfühlen, wie es ist, es *nicht* zu können. Das nennt sich der „Fluch des Wissens": Je tiefer die Expertise, desto unsichtbarer werden die vielen kleinen Zwischenschritte und Grundannahmen, die für einen Anfänger aber genau das Entscheidende sind.
Deshalb scheitern so viele gut gemeinte Dokumentationen. Sie sind fachlich korrekt – aber für die Zielgruppe unbrauchbar, weil sie von Experten für Experten geschrieben sind. Das Wissen ist also da. Es steckt nur in der falschen Sprache.
Der Hack in 3 Schritten
Genau hier ist KI stark – als Übersetzer zwischen Experten- und Anfängersprache:
- Experten-Inhalt rein. Nimm die vorhandene Notiz, Arbeitsanweisung oder Doku, so wie sie ist.
- Übersetzen lassen. Prompt sinngemäß: „Erkläre das für jemanden an seinem ersten Arbeitstag. Löse alle Abkürzungen auf, erkläre Fachbegriffe, und ergänze das Vorwissen, das hier stillschweigend vorausgesetzt wird."
- Vom Experten gegenlesen lassen. Der Fachmann überfliegt das Ergebnis einmal und gibt frei – das dauert Minuten, nicht Stunden.
Aus einem unverständlichen Text wird so eine Anleitung, mit der auch der Neue am ersten Tag etwas anfangen kann.
Die wichtigste Leitplanke
Ein ehrliches Wort, das diesen Hack erst sicher macht: Die KI übersetzt – sie erfindet nicht. Sie macht Sprache verständlicher, aber sie kennt deinen Betrieb, deine Maschine, deine Ausnahmen nicht. Wenn ihr Wissen fehlt, kann sie es plausibel klingend erfinden. Deshalb ist Schritt 3 nicht optional: Die fachliche Korrektheit bleibt immer beim Experten. Die KI nimmt ihm das Übersetzen ab, nicht die Verantwortung.
Warum das mehr ist als Bequemlichkeit
Der Effekt ist größer, als er klingt. Neue Kolleg:innen werden schneller eigenständig, weil sie die Anleitung wirklich verstehen. Es gibt weniger Rückfragen, die sonst wieder beim Experten landen. Und der Experte muss sein Wissen nur *einmal* festhalten – in „seiner" Sprache –, statt sich mühsam in die Anfängerperspektive zu zwingen.
Das ist im Kern dasselbe Prinzip wie bei der Akzeptanz von Wissenssoftware überhaupt: Wissen nützt erst, wenn es bei den Menschen ankommt, die es brauchen. (Mehr dazu, warum Verständlichkeit über den ganzen Wissenstransfer entscheidet, im Beitrag „Mein Team ist nicht digital-affin".)

Fazit
Dein Unternehmen hat das Wissen schon – es ist nur oft in einer Sprache eingeschlossen, die nur die Experten selbst entschlüsseln. Nimm dir diese Woche eine Doku, an der sich Neue regelmäßig die Zähne ausbeißen, und lass sie übersetzen. Ein Durchgang, fünf Minuten Gegenlesen – und aus Kauderwelsch wird etwas, das wirklich weiterhilft.
